Péché mignon

14/11/2018

„Alljährlich pflegen wir zu sagen, dass die Natur ihren Winterschlaf antrete. Du lieber Gott, und dass soll Schlaf sein? … Eher möchte man sagen, die Natur habe aufgehört, nach oben zu wachsen, weil sie keine Zeit dafür hat. Sie krämpelt sich nämlich die Ärmel auf und wächst nach unten.“

 

Karel Čapek

 

 

Europäische Auswanderer antworten auf die Frage, was sie an ihrer alten Heimat vermissen, häufig: „Den Wechsel der Jahreszeiten.“ Der lange Sommer hat den Herbst in diesem Jahr erst spät in unsere Breitengrade gebracht. Dafür zeigt sich dieser nun so golden und zauberhaft, wie er nur sein kann.

 

 

Da darf es ruhig auch ein paar Grad herunter kühlen. Auch der ein oder andere Regentropfen kommt der Natur nur gelegen. Und mal ehrlich: meditatives Maschenzählen für die kuschelige Wintermütze macht gerade bei Schmuddelwetter so richtig Spaß…

 

 

Mit dem Herbst verbinden wir hier den 1. Raclette-Abend, Kürbissuppen in allen Variationen oder Spaziergänge im Regen. Der Samstag Morgen auf dem Wochenmarkt, ein Korb voll gepackt mit köstlichen Sachen, der Popcorn-Weihnachts-Tee aus der Teestube beim ersten Frösteln und duftende Schaumbäder bei Kerzenschein, die Herz und Glieder wärmen.

 

 

Und dann das Lichtermeer am Martinstag, Collagen aus buntem Herbstlaub, wohlig warme Kaminabende bei den Großeltern oder der Sonnenauf- und Untergang mit orangefarbenen Wolken – all das gehört für mich zum Herbst dazu.

 

 

Vor allem genießen wir nun das wohlige Gefühl, sich hin und wieder ruhigen Gewissens als Stubenhocker bezeichnen zu können und einfach bei Büchern und Spielen gemütlich beisammen zu sein. Den Schritt zurück in der Zeit empfinden viele ebenfalls als entschleunigend. Man schließt Fenster und Türen, zündet Kerzen an und lässt die Wärme im Haus. Hier drinnen ist nun Raum für behagliche Stunden, gute Geschichten, Scharade oder die ersten Lebkuchen. Gut. Genug geschwärmt.

 

 

Vermutlich spüren wir den Wechsel der Jahreszeiten auch in unserem Inneren. Vielleicht brauchen wir ihn sogar, um Kraft zu schöpfen und uns von den Herausforderungen der vorhergegangenen Jahreszeit zu erholen.

 

 

Jede Jahreszeit fordert das Ihre. Und genauso gibt jede Jahreszeit das Ihre an uns zurück, sei es durch das Wetter, durch das Licht, durch Stimmungen oder auch durch liebgewonnene Bräuche aus Zeiten, in denen die Menschen sich viel stärker an der Natur orientiert hatten.

 

 

Ja, ich finde sie hat was, diese reife Jahreszeit. Wer wird in diesem goldenen Herbst auch gleich an Winterschlaf denken? Wie wäre es nun stattdessen mit ein wenig mehr von den Dingen, für die wir eine kleine Schwäche haben. Für kleine, niedliche Sünden - die Franzosen sprechen von „péché mignon“. Ich persönlich habe eine kleine Schwäche für Bücher, die Natur und Schokolade. Und natürlich für die beiden hier.

 

 

 Und ihr? – Ach, ihr müsst sie mir gar nicht verraten. Gebt ihr einfach mal nach. Sie macht euch stark!

 

Eure

 

 

 

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